Luise - Eine deutsche Muslima PDF Drucken E-Mail
Director: Beatrix Schwehm
Adolf Grimme Preis 2008
Juliane Bartel Preis 2008
Norddeutschen Filmpreis 2008 für besten Dokumentarfilm

Das ist kein Scherz und keine Teenie-Phase... Ich bin mir sicher, was ich da tue, ist gut für mich!, sagt Luise. Das deutsche Mädchen ist mit 19 zum Islam konvertiert – mit allen Konsequenzen. Das heißt auch, dass sie ihren Körper in der Öffentlichkeit verhüllt. Nun schlägt sich ihre Mutter Rita seit fünf Jahren mit verschiedenen Problemen herum, wie sie selbst sagt. Dass sie ihre Tochter nicht mehr fotografieren darf, schon gar nicht ohne Kopftuch, ist da eher von geringerer Bedeutung. Rita hält viele Regeln und Konventionen, denen sich ihre Tochter unterwirft, für frauenfeindlich und verblendet. Dennoch versucht sie, Luises Einstellung zu akzeptieren. Luise hat einen Algerier geheiratet. Mit Mohammed hat sie inzwischen eine dreijährige Tochter. Der gläubige Muslim hält auch hierzulande weitgehend an den Überzeugungen fest, mit denen er aufgewachsen ist. Aber auch Luise selbst sieht ihre Zukunft vor allem in der Gründung und Versorgung einer Familie. Dabei war in ihrem Elternhaus alles ganz anders. Ihr Vater ist Schauspieler bei einem subversiven Musiktheater und die meiste Zeit als Hausmann daheim. Das wiederum findet Mohammed mehr als seltsam für einen Mann, aber „da muss sich der Araber mal an was anderes gewöhnen“, hält Mutter Rita dagegen. Mit den Jahren haben sich alle Familienmitglieder zwar einander angenähert, aber dennoch bleiben vor allem bei Luises Eltern Zweifel und Sorgen vor deutschem Unverständnis und Fremdenfeindlichkeit.

Die Wellen umspielen ihre Schuhe, die kleine Tochter ist ins Wasser gesprungen, auch die Eltern nehmen ein Bad im Mittelmeer. Luise bleibt standhaft und legt den Tschador, der sie von Kopf bis Fuß verhüllt, unter der heißen algerischen Sonne nicht ab. „Schwimmen kann ich noch im Paradies“, sagt sie und verspricht sich viel vom Leben im Jenseits: keine Eifersucht mehr und die Erfüllung aller Wünsche. Um im Paradies Einlass zu finden, muss man sich freilich auf Erden bewähren.

Mit 19 nahm die heute 25-jährige Bremerin den islamischen Glauben an, bald nachdem sie Mohamed, den Informatikstudenten aus Algier, kennengelernt hatte. Ihr Alltag ist von zwei kleinen Kindern, dem Mann und Auseinandersetzungen mit der hilfsbereiten Mutter ausgefüllt. Regelmäßig besucht Luise, die keine besondere religiöse Erziehung genoss, die Moschee, wo sie im Frauenraum mit anderen jungen deutschen Muslimas zusammentrifft. Eine von ihnen hat den Tschador bis über die Nase gezogen, so dass nur ein schmaler Sehschlitz bleibt, ganz so, als wolle sie die anderen im Verhüllungswettbewerb übertreffen. Nie sieht man Luise auf der Straße oder beim Einkaufen im Supermarkt, wo sie viele neugierige Blicke treffen müssten. In Algier dagegen darf die Kamera die Konvertitin im Haus und Hof der Schwiegereltern, beim Spaziergang durch die Gassen der Altstadt und ans Meer begleiten.

Dokumentationen wie die von Beatrix Schwehm müssen sich an Verabredungen halten. Viele Fragen, die man an einen oder eine der auf jährlich über 14 000 geschätzten Neu-Muslime in Deutschland – die meisten davon sind Frauen – richten möchte, kann nur Luises Mutter stellen, die ihre Tochter verstehen will, aber spätestens am Tschador scheitert. Mohamed, der strahlende Ehemann, kommt ins Bild und beteuert, dass sich seine Frau ganz von selbst für das alles verhüllende Gewand entschieden hat. „Ich werde ja gar nicht unterdrückt“, wehrt Luise jede Kritik lächelnd ab. Sie lächelt immer, jedes Mal drängt sich der Eindruck einer auswendig gelernten Antwort auf. Aber sicher hat Luise recht. Sie wird nicht unterdrückt, sie unterdrückt sich selbst. Gegen so viel Naivität läuft jedes Toleranzverlangen ins Leere.
Von Hans-Jörg Rother der Tagespiegel
8.11.2007

Regie: Beatrix Schwehm
Kamera: Bernd Meiners und Barbara Metzlaff
Ton: Pascal Capitolin und Antje Hubert
Schnitt: Magdolna Rokob
Sounddesign: Tobias Peper
Mischung: Konken Studios KG


NDR/Arte 52 Min
WDR 43 Min
Format: 16:9